Das Prinzip Hoffnung

Ich weiß nicht, ob es das Prinzip Hoffnung irgendwo schon definiert gibt, also außer in dem Herbert Grönemeyer Song… Für mich passt der Begriff einfach und daher verwende ich ihn.

Ich habe seit einiger Zeit eine Ahnung, warum man es Trauerarbeit nennt. Denn genau das mache ich. Ich versuche die Dinge anzugehen, die es für mich auf Dauer besser machen, auch wenn es aktuell sehr schmerzhaft ist. Das sind zum Beispiel Gespräche über meinen Sohn, oder das erste mal wieder zum Geburtshaus zu gehen, und mit meiner dortigen Hebamme zu reden. Aber auch endlich ein paar der Fotos drucken und rahmen um sie dann demnächst in den Flur zu den anderen Familienfotos zu hängen.

Weil mir das wichtig ist. Natürlich sind diese Fotos im gegensatz zu den Hochzeitsfotos nicht nur mit Glücksgefühlen verbunden, sondern auch mit Schmerz und Verlust. Aber Linus gehört zur Familie. Er wird nie den Platz in unserer Familie einnehmen können, den wir ihm zugedacht hatten, aber er ist da. Und das soll jede*r sehen können.

Aber all diese Schritte sind verdammt schwer. Es ist nicht mehr immer mit einem Tränenstrom verbunden, aber ich merke es. Nicht nur die Trauer in den Situationen. Ich merke jeden Abend, wie erschöpft ich bin. Wie viel meine Seele über den Tag geleistet hat, wenn ich wieder einen kleinen Schritt weiter gegangen bin in der Verarbeitung. Ich könnte jeden Tag um 19 Uhr einschlafen und müsste trotzdem für den nächsten Morgen einen Wecker stellen, einfach weil ich kaputt bin. Kaputt von dem, was ich leiste, um langsam und irgendwann wieder heil zu sein.

Dabei hilft mir das Prinzip Hoffnung, wie ich es einfach mal genannt habe. Ich weiß, dass Viele anders mit dem Verlust eines Babys umgehen, als ich es tue. Zumindest habe ich bisher nur anders lautende Berichte gehört. Aber mir hilft es Babys zu sehen.

Natürlich macht es mich traurig, wenn ich an meinen Sohn denke, aber es gibt mir Kraft und Hoffnung gesunde Babys zu sehen. Denn das bedeutet, dass es wirklich nur ein kleiner Teil ist, dem das passiert, was uns passiert ist. Dass die Statistik, die sagt, die Wahrscheinlichkeit liegt bei 0,24% nicht falsch ist. Ja wir hatten verdammtes Pech, dass ausgerechnet wir das erleben mussten. Aber es gibt gesunde Babys. Und auch bei einer nächsten Schwangerschaft wäre die Wahrscheinlichkeit bei über 99% dass uns das nicht noch mal so passiert.

Aus dem Grund habe ich mich auch für einen normalen Rückbildungskurs entschieden. Es hat mir Jede*r davon abgeraten. Aber ich habe das Gefühl, dass es mir hilft. Es gibt mir Hoffnung. Jeden Tag wieder. Auch wenn dadurch natürlich die Traurigkeit nicht verschwindet! Aber es macht sie erträglich. Ich würde niemandem in meiner Situation zu etwas raten. Für mich fühlt sich meine Herangehensweise grade sehr richtig an. Ich weiß aber auch, dass es für Jede*n außer mir definitiv das falsche ist, einfach, weil Jede*r anders Trauert und verarbeitet.

Geburtsbericht meines Engels

Triggerwarnung: Geburt eines Sternenkindes

Diese Schilderung ist sehr persönlich und jeder der nicht wissen möchte, wie eine Geburt abläuft sollte es nicht lesen. Ich finde allerdings, dass mehr Menschen soetwas lesen sollten. Nicht die Geburtsberichte von Sternenkindern, aber positive Geburtserlebnisse, die zeigen, dass Geburten nicht dieses laute, schreckliche, schmerzhafte Ereignis sind, dass wir aus dem Fernsehen kennen.

Ich möchte von einer ganz wundervollen Geburt berichten, auch wenn ich das Krankenhaus ohne meinen Sohn verlassen musste. Aber da diese Geburt mir gezeigt hat, dass es auch anders geht als bei meiner Tochter, und diesmal natürlich niemand fragt, wie die Geburt war möchte ich gerne davon erzählen.

Es fing damit an, dass ich am Dienstag 14.5. im Geburtshaus zur Vorsorge war. Ich war leicht beunruhigt weil ich seit Samstag Abend keine Bewegungen mehr wirklich gespürt hatte. Aber da die Schwangerschaft problemlos verlief und ich viel gemacht und sonst geschlafen habe, habe ich gedacht ich hätte es nur einfach verpasst.

Meine Hebamme im Geburtshaus versuchte dann mit dem Doppler Herztöne zu hören und fand keine. Also fragte sie, ob sie es mit dem ctg probieren könnte. Klar. Hat sie aber auch nicht gefunden. Sie hat dann eine Kollegin geholt und die hat auch gesucht. Wir wussten allerdings auch alle nicht wie er lag. Anders als sonst auf jeden Fall. Die beiden sind so ruhig geblieben und haben gesagt „Wir fahren zur Kontrolle ins Krankenhaus“. Selbst da habe ich mir noch keine großen Sorgen gemacht.
Meine Hebamme hat mich begleitet und bleib die ganze Untersuchung bei mir und hat mich im Arm gehalten als ich geweint habe.
Sie hat mit mir auf meinen Mann gewartet, den ich angerufen habe und ist erst gegangen als er nach Ewigkeiten im Stau endlich da war.
Von ihr kam auch der Tipp noch mal eine Nacht zu Hause zu bleiben.

Am nächsten Morgen waren wir dann um kurz vor 8 zur Einleitung wieder in der Klinik. Ich hatte eine Hebamme die meinte sie wäre bis spät abends da und ich kann alles haben was ich möchte, ich solle nur Bescheid sagen. Die meiste Zeit haben wir in unserem Zimmer in der Nähe der Wochenstation verbracht, wo wir zwei Betten aneinander geschoben bekamen.
Ich konnte Nachmittags auf bitten in einem sehr schönen Zimmer in die Wanne wo wir uns auf die Namen einigten, da wir immer noch nicht wussten welches Geschlecht das Kind hatte. Ich habe den ganzen Tag leichte Wehen gespürt. Die aber nur seicht waren wie Übungswehen.

Also sind wir abends eingeschlafen und ich hatte Angst, dass es sich noch Tage hinziehen könnte. Um 3 Uhr nachts bin ich dann von der ersten starken Wehe aufgewacht. Meinen Mann habe ich eine halbe Stunde später geweckt und sehr kurz danach standen wir schon oben vorm Kreißsaal. Ich musste die Wehen dort schon leicht veratmen. Eine neue Hebamme hat sich vorgestellt und ist mit uns in ein Zimmer gegangen. Nachdem sie sie sich um uns gekümmert hat mit Getränken und lieber Fürsorge hat sie mich gefragt ob sie fühlen darf wie weit ich bin. Das wollte ich unbedingt, weil ich wissen wollte ob ich Schmerzmittel brauche. Ich wollte für diese Geburt nicht stark sein. Ich hatte eine panische Angst dass es zusätzlich zu den seelischen Schmerzen auch körperlich noch richtig übel wird. Sie konnte leider nicht tasten, wie weit der Muttermund schon war und ich habe um etwas Schmerzlinderung gebeten. Also bekam ich einen Zugang und einen Tropf. Den hatten sie vorher extra nicht gelegt um mich in Ruhe zu lassen. Die Wehen wurden trotzdem doller und ich habe angefangen zu fluchen laut meinem Mann. Der stand die ganze Zeit neben mir. Ich habe neben dem Bett gestanden zum veratmen und in den Pausen mich hingesetzt weil es schon ordentlich Energie gekostet hat. Dann platzte die Fruchtblase was ich erst nicht zuordnen konnte, da sie bei der ersten Geburt später angestochen wurde. Dann kamen noch ein paar schmerzhafte Wehen, bevor mit zwei Presswehen erst der Körper geboren wurde. Dann kam eine Pause und ich hatte Angst mein Körper hätte einfach beschlossen nicht weiter zu machen, weil ich mir sowas zwischendurch wohl gewünscht habe. Einfach lassen und nach Hause gehen. Aber mit einer dritten Presswehe kam dann auch der Kopf.

Um 5:18 ist mein wunderschöner Sohn Linus Cassian mit 46cm, 2360gr und Sehr vielen dunkeln Haaren geboren.

Die Hebamme hat ihn saubergemacht angezogen und uns in einem Tuch gegeben. Dann haben sie und eine zweite Hebamme, die zur Geburt dazu kam sich aber im Hintergrund hielt, uns zum Begrüßen und Verabschieden allein gelassen. Vorher kam noch die Plazenta und ich wurde untersucht, war aber bis auf einen mini Riss und mini Abschürfung komplett heil.

Ich bin allen dort so dankbar dafür, wie sie mit mir und uns umgegangen sind. Wie sie uns begleitet und unterstützt haben. Auch wenn es das schlimmste war was ich je erlebt habe und es hoffentlich auch bleiben wird, haben alle dafür gesorgt, es etwas besser zu machen. Ich habe nicht damit gerechnet so viel Unterstützung, Mitgefühl und Freundlichkeit zu erleben.

Ein Engel

Wie man einen Engel trifft und wieder gehen lässt

Triggerwarnung – Sternenkind

Ich habe seit einiger Zeit nicht mehr geblogt. Es fing damit an, dass ich zu beschäftigt war mit meiner Schwangerschaft, als dass ich noch viel Zeit für anderes gehabt hätte. Außerdem stand die Europa- und Bezirkswahl kurz bevor und so nahm das alle weiteren Kapaziäten in beschlag die ich noch hatte. Dabei habe ich mich aus dem großen Wahlkampf zum Schluss rausgehalten. Im neunten Monat war ich einfach nicht mehr so fit und motiviert.

Meine Schwangerschaft war nicht problemfrei. Auf keinen Fall, aber grade zum Schluss hin wurde sie immer entspannter. Ich konnte im Garten die Sonne genießen und habe regelmäßig Schwangerschafts-Yoga gemacht. Alles in allem habe ich grade die späteren Monate trotz schwerem Bauch und Symphysenschmerzen sehr genossen. Und ich bin sehr froh, dass es so war. Dass ich (fast) jede Minute genossen habe, auch wenn ich über Schmerzen gejammert habe oder gehofft habe, dass es dieses mal eher vor, als nach Termin, losgehen würde.

Ich habe mich, nach dem die erste Geburt 2016 im Krankenhaus nicht grade ein schönes Erlebnis war, dieses mal für eine Geburtshausgeburt entschieden. Ich hatte Glück und habe im einzigen Geburtshaus in der Nähe einen der wenigen Plätze bekommen, die es für Hamburg gibt. In der Schwangerschaft habe ich, vor allem zum Ende hin, die Vorsorge hauptsächlichen von den Hebammen dort vornehmen lassen, um sie kenenzulernen. Die drei großen Ultraschalluntersuchungen hatte ich bei meinem Frauenarzt gemacht.

Und für mich war all das ein Glück, weil mir so eine Hebamme, die ich schon kannte ganz ruhig sagen konnte, dass sie keine Herztöne findet und wir zur Kontrolle ins Krankenhaus fahren. Dort kam dann die Bestätigung. Unser Kind war in der 35./36. Woche verstorben. Was für mich nicht nur eine Geburt bedeutete sondern noch so viel mehr, was danach kam.

Mit so vielem hat man nichts zu tun, bis man selbst betroffen ist. Und zum Glück gibt es Menschen, die das Wissen und nach eigener Erfahrung verschiedenste Hilfsangebote geschaffen haben.

Was alles auf uns zu kam:

  • eine Beerdigung
  • Abschiednehmen nach der Geburt
  • Fotos machen
  • Familie und Freunde informieren
  • Mutterschutzzeit mitteilen und Wiedereinstieg bei der Arbeit planen
  • es unserer Tochter erklären
  • wahrscheinlich noch mehr, was ich grade nicht benennen kann

Und wir hatten so viel Hilfe. Wir hatten Hilfe von den unglaublichsten Hebammen. Im Geburtshaus, ebenso wie im AK Altona, in dem ich dann entbunden habe. Von unbekannten, die Hilfe und Infos im Internet bereitstellen. Von unserer Familie, unseren Freunden und von Bekannten, bei denen ich es nie erwartet hätte. Von unserer Tochter. Uns haben so viele Menschen geholfen und uns aufgefangen. Und ich bin für jede*n so unendlich dankbar!

Dank dieser Hilfe habe ich es bisher geschafft nicht zu verzweifeln. Es ist uns so viel Gutes passiert in diesen schrecklichen Tagen und auch jetzt noch. Und ich bin sehr froh, dass ich dieses Gute sehen und wahrnehmen kann. Ich habe es geschafft das Leben weiterhin zu lieben und dankbar zu sein für alles, was ich schon habe. Denn eines ist mir klar geworden.

Ich habe einen Engel getroffen. Er hat in mir gelebt und mit mir kommuniziert. Er hat reagiert wenn sein Papa und seine Schwester mit ihm geredet haben, oder die Hand auf meinen Bauch gelegt haben. Er hat mich so lange begleitet und mich so glücklich gemacht. Ich liebe ihn. Ich habe ihn von Anfang an geliebt und etwas so banales wie der Tod kann an dieser Liebe nichts ändern. Ich kann mich an so viel schöne Zeit mit ihm erinnern, und das, obwohl ich nicht einen Atemzug, ein Lächeln oder ein Wort von ihm erleben durfte. Liebe ist grenzenlos. Und deshalb weiß ich, dass mein Sohn diese Liebe die ganze Zeit gespürt hat. Er war geborgen und geliebt jede Sekunde seines Lebens.

Und ich bin traurig. So sehr. Ich vermisse ihn, und das obwohl ich ihn nur in meinem Bauch kannte vor seinem Tod. Ich habe die ersten Wochen gefühlt durchgehend geweint. Aber ich habe auch Abschied genommen. Wir haben eine kleine schöne Beerdigung geplant und nun ein kleines Grab, an dem wir ihn immer Besuchen können. Auch wenn ich es bisher nur einmal geschafft habe hinzugehen. Auch das bepflanzen fehlt noch. Aber das macht nichts. Denn alles kommt zu seiner Zeit. Ich muss es noch nicht jetzt schaffen. Genau so wie ich noch nicht jetzt darüber hinweg sein muss. Ich muss nur wissen, dass ich ihn liebe und eine Familie habe die für mich da ist, wann immer ich sie brauche.

Um noch einmal hier den Text abzuschließen. Ich habe das Glück, dass ich Zeit mit einem Engel verbringen durfte und ihn lieben kann. Wer kann von sich schon behaupten einen Engel gekannt zu haben? Ich weiß, dass es ihm gut geht, wo immer er jetzt ist. Dass er dort ebenso geborgen und von Liebe umgeben ist, wie hier bei uns.

Und ein Zitat, was in diesem Fall oft verwendet wird, und mir in den letzten Wochen geholfen hat, ist von A. St. Exupéry aus Der kleine Prinz:

Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust,

wird es dir sein, als lachten alle Sterne,

weil ich auf einem von ihnen wohne,

weil ich auf einem von ihnen lache.

Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.

Und allen, die in dieser Situation sind, und Hilfe brauchen kann ich ein paar Seiten und Vereine empfehlen, die mir bei der Orientierung geholfen haben:

Fotografen für Sternenkinder

http://initiative-regenbogen.de/

http://abschied-kleiner-seelen.de/

https://www.hopesangel.com/

https://www.sternenkinder-hamburg.de/