Fehlgeburt in der Folgeschwangerschaft

Unsere Engel

Jetzt habe ich wohl alles durch, was man so an Pech haben kann. Das denke ich oft, und doch weiß ich, dass wir es trotz des ganzen Unglücks in diesem Jahr immer noch gut haben, weil wir uns haben. Und unsere Tochter. Und weil wir wissen, dass wenn unser Leben hier endet, unser Sohn und unser Senfkorn schon auf uns warten werden. Eine Fehlgeburt in einer Folgeschwangerschaft ist aber trotzdem ziemlich schei*e!

Für uns war 2019 mit Glück das schlimmste unseres Lebens. Nur einen Tag bevor wir unseren 8. Jahrestag feiern wollten, habe ich unser Baby in der 9. Woche geboren. Es war nicht nur eine Fehlgeburt, sondern auch eine missed abortion, was bedeutet, dass mein Körper noch nicht mal wusste, dass unser Senfkorn nicht mehr lebte.

Dies wurde bei einer ganz normalen Untersuchung in der 9. Woche festgestelt. Diesmal kam mein Mann mit und wir wollten den herzschlag hören, den ich schon bei der Untersuchung zwei Wochen zu vor hören durfte. Leider muss kurz nach dieser letzten Untersuchung dieses winzige Herz wieder aufgehört haben zu schlagen. Und so blieben mir laut meinem Arzt nur zwei Möglichekiten: Abwarten, bis mein Körper es merkt und das Baby von selbst kommt, oder eine Ausschabung zu machen.

Da ich bei meiner großen Tochter nach der Geburt bereits damit Erfahrungen gemacht hatte, wollte ich diese Option sicher nicht. Also entschied ich mich fürs Warten und wir fuhren wieder nach Hause. Dort hatten wir erstmal etwas Zeit für uns um zu weinen und zu begreifen, dass auch dieses Kind nicht bei uns bleiben konnte.

Am Abend schrieb ich in eine Gruppe, für werdende Mamas, was mir passiert war und erklärte, für welche Option ich mich entschieden hatte. Als ich schilderte, dass ich mir Sorgen machte, dass es noch mehrere Wochen dauern und dann vielleicht grade an Weihnachten kommen könnte, bekam ich dirt phantastische Hilfe! Ich lernte, dass es noch eine dritte Möglichkeit gibt, nämlich mit Tabletten einzuleiten. Es sind die selben, die ich auch bei meiner gesunden Tochter fast hätte nehmen müssen und Linus genommen hatte.

Nach einer kurzen Nachfrage bei pro familia, die ich hier nur wärmstens empfehlen kann, grade in diesen Situationen, aber auch in allen anderen die mit Schwangerschaft und Familie zu tun haben, wusste ich wo ich die Tabletten bekommen würde. Noch am selben Abend fuhren wir ins Krankenhaus, wo kontrolliert wurde, ob das Baby wirklich tot war bevor man mir die Tabletten gab. Unser Plan war am nächsten Tag direkt zu starten. Ich hatte morgens noch einen Arzttermin und am Mittag um 13 Uhr ca nahm ich die ersten Tabletten. Am selben Abend, am 28.11.2019 wurde unser Senfkorn geboren. Es war winzig und wir ließen es in der Fruchtblase.

Ja die Geburt in der 9. Woche war körperlich viel einfacher als später, was ich als sehr logisch empfinde. Aber auch der Verlust durch eine Fehlgeburt ist schrecklich. Und so haben wir in grade mal einem halben Jahr zwei tote Kinder in unsere Familie geboren. Und ich weiß nicht, wie man das aushalten soll. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Es gibt vieles was hilft, was ich bereits nach Linus Geburt hier aufgeschrieben habe. Und auch das Trauern selbst wird einfacher. Ich habe mich schon daran gewöhnt zu trauern. Ich habe mit mir schon ausgemacht, dass ich an ein Leben nach dem Tod glaube, an einen Ort an dem beide jetzt sind. Aber wenn die Trauer kommt, dann gehe ich in die Knie und frage mich, ob ich je wieder aufstehen werde.

Leuchttafel mit dem Text Linus und Senfkorn und einem Herz.
Unsere Engel haben einen Platz bei uns

Aber bisher habe ich das geschafft. Bisher bin ich immer einmal mehr aufgestanden, als ich zu Boden gegangen bin. Und solange ich so viel Glück habe, dass ich meinen Mann und meine Tochter, meine Familie, meine Freunde und jede weitere Unterstützung habe, die da ist, so lange habe ich nicht vor aufzugeben.

Um diese Gefühle und das Thema Fehlgeburt anderen näher zu bringen hat Hatice Kahraman einen Artikel geschrieben, von dem ich ein Teil sein durfte. Ich freue mich sehr, dass Fehl und Todgeburten schon lange kein Tabuthema mehr sind, auch wenn es noch ein weiter Weg ist, bis es in unserer Gesellschaft angekommen ist, in dem Umfang in dem es leider vorkommt.

Ein Engel

Wie man einen Engel trifft und wieder gehen lässt

Triggerwarnung – Sternenkind

Ich habe seit einiger Zeit nicht mehr geblogt. Es fing damit an, dass ich zu beschäftigt war mit meiner Schwangerschaft, als dass ich noch viel Zeit für anderes gehabt hätte. Außerdem stand die Europa- und Bezirkswahl kurz bevor und so nahm das alle weiteren Kapaziäten in beschlag die ich noch hatte. Dabei habe ich mich aus dem großen Wahlkampf zum Schluss rausgehalten. Im neunten Monat war ich einfach nicht mehr so fit und motiviert.

Meine Schwangerschaft war nicht problemfrei. Auf keinen Fall, aber grade zum Schluss hin wurde sie immer entspannter. Ich konnte im Garten die Sonne genießen und habe regelmäßig Schwangerschafts-Yoga gemacht. Alles in allem habe ich grade die späteren Monate trotz schwerem Bauch und Symphysenschmerzen sehr genossen. Und ich bin sehr froh, dass es so war. Dass ich (fast) jede Minute genossen habe, auch wenn ich über Schmerzen gejammert habe oder gehofft habe, dass es dieses mal eher vor, als nach Termin, losgehen würde.

Ich habe mich, nach dem die erste Geburt 2016 im Krankenhaus nicht grade ein schönes Erlebnis war, dieses mal für eine Geburtshausgeburt entschieden. Ich hatte Glück und habe im einzigen Geburtshaus in der Nähe einen der wenigen Plätze bekommen, die es für Hamburg gibt. In der Schwangerschaft habe ich, vor allem zum Ende hin, die Vorsorge hauptsächlichen von den Hebammen dort vornehmen lassen, um sie kenenzulernen. Die drei großen Ultraschalluntersuchungen hatte ich bei meinem Frauenarzt gemacht.

Und für mich war all das ein Glück, weil mir so eine Hebamme, die ich schon kannte ganz ruhig sagen konnte, dass sie keine Herztöne findet und wir zur Kontrolle ins Krankenhaus fahren. Dort kam dann die Bestätigung. Unser Kind war in der 35./36. Woche verstorben. Was für mich nicht nur eine Geburt bedeutete sondern noch so viel mehr, was danach kam.

Mit so vielem hat man nichts zu tun, bis man selbst betroffen ist. Und zum Glück gibt es Menschen, die das Wissen und nach eigener Erfahrung verschiedenste Hilfsangebote geschaffen haben.

Was alles auf uns zu kam:

  • eine Beerdigung
  • Abschiednehmen nach der Geburt
  • Fotos machen
  • Familie und Freunde informieren
  • Mutterschutzzeit mitteilen und Wiedereinstieg bei der Arbeit planen
  • es unserer Tochter erklären
  • wahrscheinlich noch mehr, was ich grade nicht benennen kann

Und wir hatten so viel Hilfe. Wir hatten Hilfe von den unglaublichsten Hebammen. Im Geburtshaus, ebenso wie im AK Altona, in dem ich dann entbunden habe. Von unbekannten, die Hilfe und Infos im Internet bereitstellen. Von unserer Familie, unseren Freunden und von Bekannten, bei denen ich es nie erwartet hätte. Von unserer Tochter. Uns haben so viele Menschen geholfen und uns aufgefangen. Und ich bin für jede*n so unendlich dankbar!

Dank dieser Hilfe habe ich es bisher geschafft nicht zu verzweifeln. Es ist uns so viel Gutes passiert in diesen schrecklichen Tagen und auch jetzt noch. Und ich bin sehr froh, dass ich dieses Gute sehen und wahrnehmen kann. Ich habe es geschafft das Leben weiterhin zu lieben und dankbar zu sein für alles, was ich schon habe. Denn eines ist mir klar geworden.

Ich habe einen Engel getroffen. Er hat in mir gelebt und mit mir kommuniziert. Er hat reagiert wenn sein Papa und seine Schwester mit ihm geredet haben, oder die Hand auf meinen Bauch gelegt haben. Er hat mich so lange begleitet und mich so glücklich gemacht. Ich liebe ihn. Ich habe ihn von Anfang an geliebt und etwas so banales wie der Tod kann an dieser Liebe nichts ändern. Ich kann mich an so viel schöne Zeit mit ihm erinnern, und das, obwohl ich nicht einen Atemzug, ein Lächeln oder ein Wort von ihm erleben durfte. Liebe ist grenzenlos. Und deshalb weiß ich, dass mein Sohn diese Liebe die ganze Zeit gespürt hat. Er war geborgen und geliebt jede Sekunde seines Lebens.

Und ich bin traurig. So sehr. Ich vermisse ihn, und das obwohl ich ihn nur in meinem Bauch kannte vor seinem Tod. Ich habe die ersten Wochen gefühlt durchgehend geweint. Aber ich habe auch Abschied genommen. Wir haben eine kleine schöne Beerdigung geplant und nun ein kleines Grab, an dem wir ihn immer Besuchen können. Auch wenn ich es bisher nur einmal geschafft habe hinzugehen. Auch das bepflanzen fehlt noch. Aber das macht nichts. Denn alles kommt zu seiner Zeit. Ich muss es noch nicht jetzt schaffen. Genau so wie ich noch nicht jetzt darüber hinweg sein muss. Ich muss nur wissen, dass ich ihn liebe und eine Familie habe die für mich da ist, wann immer ich sie brauche.

Um noch einmal hier den Text abzuschließen. Ich habe das Glück, dass ich Zeit mit einem Engel verbringen durfte und ihn lieben kann. Wer kann von sich schon behaupten einen Engel gekannt zu haben? Ich weiß, dass es ihm gut geht, wo immer er jetzt ist. Dass er dort ebenso geborgen und von Liebe umgeben ist, wie hier bei uns.

Und ein Zitat, was in diesem Fall oft verwendet wird, und mir in den letzten Wochen geholfen hat, ist von A. St. Exupéry aus Der kleine Prinz:

Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust,

wird es dir sein, als lachten alle Sterne,

weil ich auf einem von ihnen wohne,

weil ich auf einem von ihnen lache.

Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.

Und allen, die in dieser Situation sind, und Hilfe brauchen kann ich ein paar Seiten und Vereine empfehlen, die mir bei der Orientierung geholfen haben:

Fotografen für Sternenkinder

http://initiative-regenbogen.de/

http://abschied-kleiner-seelen.de/

https://www.hopesangel.com/

https://www.sternenkinder-hamburg.de/