Träume finden

Ich wusste schon im dualen Studium, dass öffentliche Verwaltung zwar ganz praktisch als sicherer Arbeitgeber, aber definitiv keine Berufung ist. Und als ich nach der Elternzeit meiner Tochter anfing zu arbeiten hat sich das sehr schnell bestätigt. Also habe ich mir gedacht ich mache mich nebenbei auf die Suche nach einem Traum. Um nicht für die Sicherheit und das Gehalt bei einer Arbeit bleiben von der ich davon überzeugt war, dass sie auch automaisiert erledigt werden kann. Dazu kam ein Arbeitsumfeld, das nicht grade gesund war und sehr viele Menschen verschlissen hat.

Als ich dann mit meinem Sohn schwanger und im Beschäftigungsverbot war habe ich mich auf die Suche gemacht. Ich habe über verschiedene Berufsausbildungen, Studiengänge und weiteres gelesen und gehofft etwas zu finden, von dem ich dachte es wäre das Richtige. Ich habe einiges gefunden, was interessant klang aber nie das Richtige. Mehrfach war ich auch beim Gedanken, ich könne ja Hebamme werden, da ich mich seit der Geburt meiner Tochter politisch sehr für eine Verbesserung der Lage für Hebammen eingesetzt habe und mir bewusst war, wie wichtig dieser Beruf ist. Dann habe ich versucht mich weiter einzulesen und auf den meisten Seiten standen dann so Sätze wie „Aber der Beruf ist nicht nur leicht, manchmal muss man auch Eltern bei Geburten von verstorbenen oder sterbenskranken Babys begleiten“ und für mich war sehr klar dass ich das nicht kann.

Ich konnte mir zu dem Zeitpunkt mit Baby im Bauch und einer Großen, die ich so sehr liebe, nicht vorstellen, wie es sein kann sein Kind zu verlieren. Geschweige denn, jemanden in dieser schlimmen Zeit auf die richtige Weise zu begleiten. Also habe ich den Beruf ausgeschlossen und weiter gesucht. Ich hatte keine Eile damit, da ich ja auch ein Jahr Elternzeit noch nehmen wollte nach der Geburt und wusste, irgendwann nach der Geburt müsste ich mich entscheiden und beginnen mich zu bewerben.

Und dann hat sich alles verändert. Von Heute auf Morgen. Ein einziger Satz: „Ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihr Baby nicht mehr lebt“. Wie schnell eine Welt zerbrechen kann ist unglaublich. Wie sehr man es wirklich hört. Das einstürzen der eigenen Welt während um einen herum alles beim alten ist, obwohl es doch brennen müsste.

Auf dem Weg aus dem Krankenhaus nach Hause hatte ich nur zwei Gedanken. Der erste war, dass selbst der Himmel mit mir um mein Baby weint, weil es geschüttet hat wie aus Eimern. Der zweite war: Wenn ich mein eigenes Baby tot zur Welt bringen kann, dann kann ich auch anderen in der selben Situation helfen, das irgendwie durchzustehen!

Traum gefunden

Und als ich irgendwann weniger geweint habe war da der Plan und der Traum. Die hatten sich in der Zwischenzeit unbemerkt festgesetzt. Und ließen sich nicht mehr verschieben. Also habe ich angefangen meine Trauer zu verarbeiten. Bewusst jede neue Grenze getestet, ausgehalten und geweint bis es keine Tränen mehr gab. Ich habe einen Rückbildungskurs mit Babys besucht, wo mich jede*r in meinem Umfeld für verrückt hielt. Noch vor Ende der Rückbildung habe ich in der Mutterschutzzeit ein Praktikum im Kreißsaal begonnen.

Ich ging den Hebammen und Ärztinnen gegenüber sehr offen mit meiner Geschichte um und konnte mich daher zurückziehen, wenn ich eine Pause brauchte. Am Anfang war das noch nach jedem neuen Schritt der Fall, später war es einfach nur noch eine Freude zu sehen, wie viele Babys gesund und munter auf die Welt kommen. Das hat auch meinen Glauben wieder etwas hergestellt. Und ich habe in diesen 6 Wochen der ersten anderen Frau Zeit gewidmet, die in meiner Lage war. Ich konnte mir als Praktikantin die Zeit nehmen bei ihr zu sein, wenn sie es brauchte, konnte Fragen nicht nur auf sachlicher Ebene beantworten, sondern berichten, dass man es überlebt. Wenn ich auch nicht sagen konnte, wie.

Und danach habe ich mich dann beworben. Zu einer Zeit in der die Ausbildung im Umbruch war und das Studium eingeführt werden sollte kein leichtes Unterfangen. Leider habe ich den Platz in Hamburg nicht bekommen. Aber meinen Traum habe ich fest im Herzen. Da ich schwanger bin und diesmal hoffe kuscheln zu können und in Elternzeit zu gehen ist es gar kein Problem erst nächstes Jahr anzufangen.

Denn Träume erfüllen sich, wenn man für sie kämpft. Zumindest manchmal und in diesem Fall ist es so. Ich habe bereits 15 Bewerbungen deutschlandweit für nächstes Jahr geschrieben, habe die ersten Einladungen für Vorstellungsgespräche erhalten und inzwischen eine Zusage für das Studium nächstes Jahr in Bremen.

Hallo Traum, hier komme ich! Aber erst nachdem ich viel Zeit mit meinem Wunder genießen konnte <3